Frankreich im konfessionellen Bürgerkrieg \(1562 bis 1598\): Im Zeichen der Bartholomäusnacht

Frankreich im konfessionellen Bürgerkrieg \(1562 bis 1598\): Im Zeichen der Bartholomäusnacht
Frankreich im konfessionellen Bürgerkrieg (1562 bis 1598): Im Zeichen der Bartholomäusnacht
 
Aus der sechsunddreißigjährigen Ära des konfessionellen Bürgerkrieges in Frankreich von 1562 bis 1598 ragt das Ereignis der Bartholomäusnacht vom August 1572 hervor, bis heute der Inbegriff eines unmenschlichen, mordenden Fanatismus. In dieser Nacht vor dem Tag des heiligen Bartholomäus wurden in Paris Tausende Protestanten von einem aufgehetzten Pöbel niedergemetzelt. Wie eine Flutwelle breitete sich die Gewalt in ganz Frankreich aus und leitete in einen neuen Bürgerkrieg der verfeindeten Konfessionsparteien über. In den Ländern Europas entsetzten sich die Protestanten über das Blutbad, besonnene Fürsten wie Kaiser Maximilian II., der über Angehörige beider Glaubensgemeinschaften herrschte, distanzierten sich nachdrücklich von den Vorgängen. Hingegen soll König Philipp II. von Spanien angesichts der Berichte aus Paris herzlich gelacht haben, was bei diesem strengen Monarchen selten vorkam. Papst Gregor XIII. schließlich, dem man das Massaker als einen Akt staatspolitischer Notwehr darstellte, ließ aus Freude über den Verbleib Frankreichs bei der alten Kirche Kanonen abfeuern und Rom festlich illuminieren. In Frankreich selbst aber fragten sich die Vernünftigen, die nicht von Hass und Vernichtungswut geblendet waren, wie es mit ihrem Land so weit hatte kommen können.
 
 Auf dem Weg zur Bartholomäusnacht
 
Zwanzig Jahre früher galt das Königreich noch als ein sicherer Hort des katholischen Glaubens. Einige Gebildete aus Adel und Bürgertum waren zwar von den Anstößen der protestantischen Lehre aus Deutschland und der Schweiz angerührt, doch blieben diese evangelisch Gesinnten zumeist im Verborgenen. Wagten sie sich hervor, so riskierten sie ihr Leben. Das französische Königtum ging nämlich unerbittlich gegen alle Regungen konfessioneller Abweichung vor. Die Scheiterhaufen loderten hell, allen »Ketzern« zur Warnung. Aufgrund eines 1516 mit dem Papst geschlossenen Konkordates war der König von Frankreich praktisch Herr über die Kirche in seinem Land. Wenn die Evangelischen die Kirche als Institution infrage stellten, so griffen sie damit zugleich die Macht der Krone an, die sich mit allen Mitteln wehrte. Vor dem Flammentod war auch der Student Johannes Calvin aus Frankreich geflohen, nachdem er sich zu den Gedanken Luthers bekannt hatte. In seinem Genfer Exil wurde er zum führenden Theologen der Reformation, der dem Protestantismus eine klare Lehre und eine wirkungsvolle Organisation aufprägte. Der Erfolg machte staunen. Im engen geistigen Bezug auf den Reformator in Genf breitete sich das neue Bekenntnis in den 1550er-Jahren rasch in Frankreich aus. Besonders der Adel, stets in Opposition zum Königtum, und die wohlhabenden Stadtbürger wandten sich der Lehre Calvins zu. Die reformierten Gemeinden nahmen untereinander Verbindung auf und organisierten sich. Vor Ort traten sie zu Kreissynoden zusammen, die wiederum die Provinzsynoden beschickten. In Paris bildeten sie eine Nationalsynode, die erstmals 1559 tagte. Im Verlauf weniger Jahre hatte die alte Kirche eine starke Rivalin erhalten. Eine unerwartete Schwäche der Monarchie kam hinzu. König Heinrich II., der Protestantenverfolger, kam 1559 bei einem Turnier ums Leben. Als auch sein ältester Sohn Franz II. im Dezember 1560 starb, folgte der erst zehnjährige Karl IX. auf dem Thron. Damit war die Machtfrage in Frankreich offen, um die fortan fast vier Jahrzehnte gerungen werden sollte. In diesem Kampf setzten sich die Calvinisten ein hohes Ziel. Sie wollten das ganze Land für ihren »wahren Glauben« und für »das Königreich Gottes« gewinnen, was die Vernichtung der katholischen Kirche bedeuten musste. An ihrer Spitze standen mächtige Adelsfamilien wie das Haus Bourbon, das dem Herrschaftswillen der Krone stets Widerstand entgegengesetzt hatte. Religiöser Eifer und traditionelles Machtstreben verbanden sich. Dagegen wandte sich die altgläubige Mehrheit der Franzosen — über 20 Millionen Katholiken standen etwa einer Million Reformierter gegenüber. In ihren Augen gefährdete diese umtriebige Minderheit, der so viele Reiche und Mächtige angehörten, mit ihrem Ehrgeiz die Ruhe Frankreichs. Die Katholiken erklärten die Gegenpartei zu Unruhestiftern und Fremden im eigenen Land, die man als »Hugenotten« bezeichnete, wohl eine Abwandlung von »Eidgenossen« — eygenôts —, denn ihr Bekenntnis stammte schließlich aus dem Schweizer Ausland. So wie bei den Protestanten setzte sich auch an die Spitze der katholischen Gegenbewegung eine ambitionierte Adelsfraktion, in der das Haus Guise, eine Nebenlinie des Hauses Lothringen, die Führung übernahm. Als weitere Mitspielerin auf dem Schachbrett Frankreichs trat Katharina von Medici auf, die Witwe Heinrichs II. und Mutter König Karls IX. Katharina wollte die beiden Adelsparteien ausmanövrieren, dem Land den Frieden und ihrem schwachen Sohn die Macht erhalten. Auf Anraten ihres Kanzlers Michel de L'Hôpital, eines eifrigen Anwalts für konfessionellen Ausgleich, erließ sie im Januar 1562 ein Toleranzedikt zugunsten der Hugenotten, die sich nun kurz vor dem endgültigen Griff nach der Macht wähnten. Die Guise wollten diesen vermeintlichen Sieg der Gegenpartei nicht hinnehmen. In einer Art von Staatsstreich brachten sie den Hof unter ihre Kontrolle und zwangen den jungen König, das Edikt zu widerrufen. Ihre Gefolgsleute verübten im Städtchen Wassy in der Champagne ein grausiges Massaker an der hugenottischen Gemeinde. Dies war das Fanal für den Bürgerkrieg zwischen beiden konfessionellen Lagern, der sogleich mit äußerster Grausamkeit losbrach. Bedeutende militärische Auseinandersetzungen hat es dabei kaum gegeben, dafür aber umso mehr Gemetzel an Wehrlosen, Raub und Plünderung. Frankreich versank in Gesetzlosigkeit, und weite Landstriche fielen unter die Herrschaft von Dieben und Mördern. Zwar wurden immer wieder kurzlebige Waffenstillstände und heuchlerische Friedensabkommen geschlossen, sobald sich die Parteien aber von ihrer Erschöpfung erholt hatten, schlugen sie wieder los. Wenn in einigen Provinzen Ruhe herrschte, gab es gleichzeitig in anderen heftige Scharmützel und Verheerungen. Der Adel kämpfte auf beiden Seiten vorne mit und schonte sich nicht. Herzog Franz von Guise und sein Sohn Heinrich erhielten beide wegen ihrer starken Gesichtsnarben den Beinamen Balafré (der Narbige). Viele Adlige kamen in Gefechten um oder wurden gefangen genommen und dann erschlagen, wie 1569 der hugenottische Anführer Prinz Condé. Während der Adel selbst die Reiterei stellte, bestand das Fußvolk zumeist aus Söldnern. Oft handelte es sich um im Ausland angeworbene Deutsche und Schweizer, die wegen ihrer Habsucht und Grausamkeit bei der französischen Bevölkerung besonders gefürchtet waren. Um diese Armeen finanzieren zu können, waren beide Konfessionsparteien auf die Unterstützung auswärtiger Mächte angewiesen, die ihren jeweiligen Glaubensbrüdern in Frankreich halfen und damit natürlich auch eigene Interessen verfolgten. Die Katholiken besaßen Rückhalt am spanischen König und am Papst, während die Hugenotten sich der Unterstützung protestantischer Herrscher wie der Königin von England oder des Kurfürsten von der Pfalz erfreuten.
 
 Das Massaker
 
Dennoch waren beide Parteien im Sommer 1570 erschöpft, sie hatten ihre materiellen und teilweise auch ihre personellen Ressourcen aufgebraucht. So erhielt der Frieden eine Chance, die Katharina von Medici sogleich begierig aufgriff. Am 8. August 1570 ließ sie den Frieden von Saint-Germain verkünden, der den Hugenotten die freie Ausübung ihres Kultes und Sicherheitsplätze garantierte, in die sich diese bei Gefahr zurückziehen konnten. Die Reformierten waren so entkräftet, dass sie es zumindest bis zur Rückgewinnung ihrer alten Stärke mit der friedlichen Koexistenz versuchen wollten. Der erfahrenste hugenottische Anführer, Admiral Gaspard de Coligny, seit den Zeiten Heinrichs II. mit den Zuständen am Hof vertraut, wollte gerade den Frieden zur calvinistischen Machtübernahme nutzen, die der Krieg bisher nicht gebracht hatte. Er kehrte nach Paris zurück und sicherte sich, psychologisch geschickt, die Zuneigung des nervenleidenden, schwachen Königs, der den Admiral bald verehrungsvoll mon père (mein Vater) nannte. Katharina nahm die Bindung ihres Sohnes an Coligny zunächst in Kauf, da sie dem großen Ziel der Versöhnung beider Lager diente. Zu diesem Zweck hatte sie auch die Heirat zwischen dem protestantischen König von Navarra, dem achtzehnjährigen Heinrich III. aus dem Haus Bourbon, und ihrer eigenen gleichaltrigen Tochter Margarete (Margot) eingefädelt. Die Hochzeit im August 1572 sollte als großes Friedensfest in die Geschichte eingehen. Zu den Feiern reisten Vertreter beider Konfessionen in großer Zahl an, mit dem Bourbonen kamen die wichtigsten Häupter der Hugenotten. Nach der Trauung der Eheleute, die einander vollkommen gleichgültig waren, erkannte die Brautmutter Katharina mit Schrecken, wie weit die Pläne Colignys bereits gediehen waren. Dieser nahm vor seinen Glaubensgenossen kein Blatt mehr vor den Mund. Er wollte den König und das Land zum Krieg gegen die Spanier mitreißen, um nach dem Schlag gegen die katholische Vormacht im Süden ganz Frankreich zum Calvinismus zu führen. Katharina fürchtete die Militärmacht Spaniens und bangte um ihren eigenen Einfluss auf den königlichen Sohn. Ihr italienisches Temperament geriet in Wallung, sie wollte den verhassten Coligny beseitigen. Ihr Anschlag misslang. Zwar traf die Kugel eines gedungenen Mörders den Admiral, jedoch nicht tödlich. Die Hugenotten scharten sich daraufhin um ihren verwundeten Anführer und gerieten in Aufruhr. Nun fühlte sich der Hof seinerseits bedroht. In der fiebrigen Sommerhitze des Abends vor dem Bartholomäustag, dem 24. August, bereitete er einen gewaltigen Schlag vor. Katharina hatte ihrem irrsinnigen Sohn einen folgenschweren Entschluss entrissen. Mitten in der Nacht stürzten Garden des Königs und des Herzogs von Guise in das Haus des verletzten Admirals Coligny und töteten ihn. Dies war das Fanal für den wilden und grausigen Totentanz, der nun begann. Die im Louvre einquartierten hugenottischen Adligen wurden auf Befehl des Königs massakriert. Nur seinen Schwager Heinrich von Navarra verschonte Karl IX. gnädig. Der Bourbone wurde in einer Kammer eingeschlossen und beobachtete von einem Fenster aus, wie seine Gefährten niedergemetzelt wurden. Vom Schloss aus schwappte das Blutbad durch die Stadt. Die Stadtverwaltung bot eiligst alle Waffen tragenden Bürger auf, um die Protestanten zu ermorden. Man hetzte sie auf die Hausdächer und erschoss sie im fahlen Licht des Morgens, andere jagte die Meute in die Keller und erschlug sie dort. Ganzen Familien, auch den Kindern, wurden die Kehlen durchgeschnitten, die Leichen warf man in die Seine. Es war die Stunde eines blutwütigen Pöbels von Kriminellen, der zügellos mordete und plünderte. Kein Gesetz und keine Achtung vor dem Leben galten mehr; der Mob fiel auch in die Häuser reicher Katholiken ein, um deren Besitz zu rauben. Als der Morgen des Bartholomäustages heraufdämmerte, lagen Massen von Leichen auf den Straßen; man schätzt die Zahl der Opfer auf viertausend. Die Wahnsinnstaten fanden Nachahmung in der Provinz, wo nochmals Tausende ihr Leben verloren. Sogleich brach der konfessionelle Bürgerkrieg von neuem los.
 
Mit seiner Verwicklung in das Massaker der Bartholomäusnacht hatte das Königtum jede Regung von Loyalität bei den Protestanten eingebüßt. Der Freund und Nachfolger Calvins in Genf, Theodor Beza, reagierte auf das Ereignis mit einer viel gelesenen Abhandlung, in der er die folgenreiche These vertrat, wonach die Krone ihre Rechte der Zustimmung des Volkes verdanke, das sie ihr auch wieder entziehen könne. Tatsächlich sagten sich weite Landstriche im Süden und Westen, in denen die Hugenotten die Oberhand behielten, faktisch von der Monarchie los und bildeten fortan einen eigenen Staat im Staate. Karl IX. starb 1574, sehr zur Genugtuung der Protestanten, eines qualvollen Todes. Sein Bruder und Nachfolger Heinrich III. hatte die aufrichtige Absicht, Frankreich unter seiner Krone zu einigen. Da ihm eigene Machtmittel weitgehend fehlten, blieb er jedoch auf die Unterstützung der Katholiken angewiesen. Diese organisierten sich unter der energischen Führung des Herzogs Heinrich von Guise zu einer schlagkräftigen »Liga«, die ihre stärksten Positionen im Norden und Osten Frankreichs, besonders in der Île-de-France mit der Hauptstadt Paris, hatte. Das Land wurde somit in zwei Teile gespalten, die sich unversöhnlich gegenüberstanden.
 
 Der »Krieg der drei Heinriche«
 
Im Jahr 1584 ergab sich mit dem plötzlichen Tod von Heinrichs III. letztem Bruder eine Wendung. Der König blieb nun als letzter der Valois übrig. Folglich würde die Krone gemäß geltendem Gesetz nach seinem Tod an den nächsten erbberechtigten Verwandten aus dem Haus Bourbon übergehen. Dies war aber kein anderer als König Heinrich von Navarra, der Bräutigam der Pariser Bluthochzeit von 1572. Nachdem er die Bartholomäusnacht überlebt hatte, war der Bourbone gezwungen worden, zum Katholizismus überzutreten. Er lebte als persönlicher Gefangener seines Schwagers Karl IX. im Louvre. Die Gefangenschaft endete im Winter 1576, als Heinrich von Navarra einen Jagdausflug zur Flucht nutzte. In seinem heimatlichen Königreich in den Pyrenäen wurde er wieder Calvinist, der sich als tapferer Truppenführer der Reformierten in den zahlreichen Scharmützeln des Konfessionskrieges bewährte. In seiner lustorientierten Lebensführung vom moralischen Rigorismus der Calvinisten denkbar weit entfernt, trat er zugleich als gemäßigter Hugenottenführer hervor, der die Erwägungen politischer Vernunft dem blinden konfessionellen Eifer vorzog. Obwohl er bereit war, auf die Katholiken zuzugehen, wies die Liga jeden Gedanken an ein Königtum des Protestanten von sich. Sie verbündete sich mit Spanien und dem Papst. Auf der anderen Seite unterstützten die Niederlande und die Königin von England als Gegner Spaniens sowie einige protestantische deutsche Reichsfürsten den Bourbonen. Im »Krieg der drei Heinriche« kämpften die Namensvettern aus den Häusern Valois, Bourbon und Guise um die Macht im Königreich. Der schwächste der Konkurrenten war der nominelle Träger der Krone, König Heinrich III., der keine kampferprobte Konfessionspartei hinter sich wusste. Unglücklich verlief sein Versuch, sich von der Übermacht der Liga zu befreien. Unter dem Vorwand von Verhandlungen lockte er die Brüder Heinrich und Ludwig von Guise in sein Schloss von Blois und ließ sie dort von der Leibwache niederstechen (Dezember 1588). Dieser politische Mord gab der Liga weiteren Auftrieb und führte dazu, dass der Volkszorn in Paris überkochte. Am 2. August 1589 verschaffte sich der junge Dominikanermönch Jacques Clément Zugang zum König und erdolchte ihn.
 
 Frieden für Frankreich
 
Der Bourbone Heinrich IV. war nun König von Frankreich, aber ein großer Teil des Landes verweigerte sich ihm, voran die Hauptstadt Paris. Militärisch konnte sich die Liga gegen ihn behaupten, da sie sich weiterhin massiver spanischer Unterstützung erfreute. Doch hatte sie nach dem Tod der Guise keine überzeugenden Anführer mehr. Davon profitierte Heinrich von Bourbon, der immer mehr gemäßigte Katholiken auf seine Seite zog, denen das Machtstreben der Spanier zuwider war. Er musste aber noch einen entscheidenden Schritt tun, wollte er die katholische Mehrheit mit sich aussöhnen. Am 25. Juli 1593 kniete er vor dem Portal der ehrwürdigen Abteikirche von Saint-Denis nieder, um wieder in den Schoß der römischen Kirche zurückzukehren. Die Türen des Gotteshauses öffneten sich, und der Bourbone trat in feierlicher Zeremonie zum katholischen Glauben über. Auch wenn er das Ereignis tatsächlich mit den zynischen Worten »Paris ist eine Messe wert« kommentiert haben sollte, so wurde er später doch ein aufrichtiger, wenngleich im Fleische sündiger Katholik.
 
Für Frankreich wirkte diese Konversion wie eine Erlösung. Nachdem Heinrich IV. im Februar 1594 in der Kathedrale von Chartres auch geweiht und gesalbt worden war, hatte sein Königtum im mittelalterlich geprägten Denken der Zeit eine höhere Würde erhalten. Das katholische Frankreich trat zu ihm über, das protestantische blieb ihm trotz aller Zweifel und Bedenken treu. Noch vor Ostern 1594 konnte er auch in seiner Hauptstadt Paris einziehen, wo er sich mit einer Amnestie für alle Gegner sogleich das Vertrauen des Volkes erwarb. Die Menschlichkeit und das joviale, bewusst um Volkstümlichkeit bemühte Wesen des Königs eigneten sich dazu, die Abgründe des Hasses zu überbrücken und Frankreich nach drei Jahrzehnten des Bürgerkriegs unter dem Vorzeichen nationaler Einheit mit sich selbst zu versöhnen. Weiter in Opposition zu ihm verharrende ligistische Adlige gewann er oft im vertrauten Gespräch für sich, wobei üppige Geldgeschenke und ehrenvolle Titel als Köder dienten. Den Krieg gegen Spanien beendete Heinrich im Mai 1598 mit dem für sein Land ehrenvollen Frieden von Vervins. Das Jahr 1598 brachte Frankreich nicht nur den äußeren Frieden, sondern auch den Abschluss seiner Befriedung im Inneren.
 
Heinrich IV. sah klar, dass er seinen einstigen hugenottischen Glaubensgenossen Garantien für ihre Sicherheit geben musste, die ihr Vertrauen zur Krone stärken und es ihnen erleichtern würden, als loyale Untertanen zu leben. Am 13. April 1598 erließ er das Edikt von Nantes als königliches Privileg zugunsten der Protestanten. Sie erhielten die Gewissens- und die eingeschränkte Kultfreiheit. Nur in Paris und Umgebung durfte kein reformierter Gottesdienst stattfinden. Daneben gewährte das Edikt der Minderheit die Rechtsgleichheit und den freien Zugang zu allen öffentlichen Ämtern im Königreich. Ferner erhielten die Hugenotten für die Frist von acht Jahren mehr als hundert feste Sicherheitsplätze im ganzen Land. Frankreich wurde wieder eins, die Franzosen traten aus dem Schatten der Bartholomäusnacht heraus.
 
Dr. Thomas Nicklas
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Frankreichs Hegemonie im 17. und 18. Jahrhundert: Europa im Zeichen der Lilie
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Hundertjähriger Krieg und burgundische Großmacht: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte
 
 
Elton, Geoffrey R.: Europa im Zeitalter der Reformation. 1517-1559. Aus dem Englischen. München 21982.
 Erlanger, Phillippe: Bartholomäusnacht. Die Pariser Bluthochzeit am 24. August 1572. Aus dem Französischen. München 1966.
 Gagg, Robert P.: Hugenotten. Profil ihres Glaubens. Basel 1984.
 Garrisson, Janine: La Saint-Barthélemy. Brüssel 1987.
 Héritier, Jean: Katharina von Medici. Herrscherin ohne Thron. Aus dem Französischen. Taschenbuchausgabe München 61991.
 
Die Hugenottenkriege in Augenzeugenberichten, herausgegeben von Julien Coudy. Aus dem Französischen. Taschenbuchausgabe München 1980.
 
The Massacre of St. Bartholomew, herausgegeben von Alfred Soman. Den Haag 1974.
 Miquel, Pierre: Les guerres de religion. Paris 1980.
 Pernot, Michel: Les guerres de religion en France. 1559-1598. Paris 1987.
 Sutherland, Nicola M.: The Huguenot struggle for recognition. New Haven, Conn., u. a. 1980.
 
Toleranzedikt und Bartholomäusnacht. Französische Politik und europäische Diplomatie 1570-1572, herausgegeben von Ilja Mieck. Göttingen 1969.

Universal-Lexikon. 2012.

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